Zimmerwirtin

Gute-Nacht-Geschichte

 

Der Mädchenfelsen

Illustration nach: Hans Thoma, Conte merveilleux - Le Chevalier, 1904

Vor langer, langer Zeit, als Pfullingen und Eningen (bei Reutlingen) noch kleine Dörfer waren, sah man oft auf dem mächtigen Felsen des Übersbergs eine wunderschöne Jungfrau sitzen. Ihr Kleid war glänzend weiß, und ihr seidenes Haar leuchtete im Sonnenschein wie Gold. Das Mädchen soll zu den Fräulein gehört haben, die im nahen Ursulaberg hausten. Es strickte mit blitzenden Nadeln an einem Schleider aus zartesten Silberfäden. Zuweilen ließ es die Arbeit ruhen und schaute hinab in den jähen Abgrund zu seinen Füßen und hinaus ins Land, das sich weithin vor ihm ausbreitete. Da geschah es, dass die Hunnen in unsere Heimat einbrachen. Mit ihren schnellen Pferden ritten sie alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte, raubten und mordeten, und allnächtlich war der Himmel rot vom Widerschein der brennenden Dörfer.
Voller Angst flohen die Menschen in die Wälder, verbargen sich im Dickicht, in Schluchten und Höhlen. Aber die raubgierigen Krieger folgten ihnen. So kam es, dass eines Tages ein Hunne über die einsame Höhe des Übersbergs ritt, und als er an den Waldrand kam, sah er drüben auf dem nahen Felsen die Jungfrau sitzen.
Sie schien ihm eine leichte Beute. Rasch stieg er vom Pferd und lief auf sie zu, um sie zu packen. Das Mädchen sprang entsetzt auf, als es den wilden Gesellen erblickte, und rannte davon, dem Abgrund zu. Behend hüpfte es von Klippe zu Klippe. Der Reiter stürzte ihm nach. Als er es aber zu erhaschen vermeinte, warf es sich todesmutig in die gähnende Tiefe. Sein weites Gewand breitete sich aus wie eine Nebelwolke, und unverletzt kam es unten an. Der Hunne glaubte, den kühnen Sprung auch wagen zu können, und folgte ihm, blieb aber zerschmettert am Fuße der Bergwand liegen.
Auch später noch sah man des Öfteren die Jungfrau auf ihrem Felsen sitzen, und man nannte ihn deshalb den Mädchenfelsen.

(Quelle: Wetzel/Burzik, Der Schatz im Berg, Oertel + Spörer 1985)
Gier ist einfach ein schlechter Ratgeber. Und ist der geneigte Leser nicht mit dem Ausgang zufrieden? Wünscht er sich so einen Schicksalsrichtspruch nicht öfter? Seien wir froh, dass solcher Entscheid nur aus der anderen Welt kommen kann – sonst würde es noch ärger mit unserem Menschenstreit.
Die Geschichte muss sehr alt sein. Die Hunnen unter Attila wurden im Jahr 451 auf den Katalaunischen Feldern (wo das war, ist nicht ganz klar: vielleicht bei Châlons-en-Champagne) in Gallien von einem bunt gemischten Heer aus Germanen, Römern und Westgoten geschlagen. Sie fielen dann noch in Italien ein (was u.a. zur Gründung Venedigs durch Flüchtlinge aus Aquileia führte), zogen sich aber dann auf den Balkan zurück, da sie nichts ausrichten konnten und zu geschwächt waren, um Rom doch noch zu erobern. Schon 453 starb Attila, in der Hochzeitsnacht mit der Gotin Ildiko. Ob das mit rechten Dingen zuging? Jedenfalls sind später keine Hunnen mehr im deutschen Südwesten gewesen. Sie haben offenbar im kollektiven Unbewussten keinen guten Eindruck hinterlassen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang noch, dass König Attila/Etzel auch in der Legende der Hl. Ursula eine Rolle spielt. Ursula und ihre Jungfrauen wurden auf der Rückreise von einer Pilgerfahrt nach Rom von den Hunnen in Köln umgebracht. Der Berg, in dem die Jungfrau vom Mädchenfelsen wohnte, ist der Ursulaberg – spielt da eine dunkle Erinnerung mit? Die Leute in Reutlingen und Pfullingen, die die Ursula- (oder: Urschel-) Sagen erzählten, meinten damit aber keine christliche Heilige, sondern eher ein Naturwesen.