Zimmerwirtin

Gute-Nacht-Geschichte

 

Das Geheimnis vom Tiefen See

Die Weihnachtstage habe ich in Marul im Großen Walsertal verbracht. Oberhalb des Tales gibt es einen Pass, über den man nach Bludenz hinübergehen kann. Er heißt Tiefensee-Sattel. Heute gibt es dort keinen See mehr – aber einst schon. Die Geschichte vom Tiefen See möchte ich Ihnen gern schenken.

Vor vielen Jahren lebte in einer alten Hütte am Ufer des Tiefen Sees eine alte Weise. Im Ort nannten sie die Menschen Mutter Sophia.
Oft kamen die Menschen von weit her, um ihren Rat zu hören. Manchmal blieben sie sogar einige Tage bei der Greisin. Sie versorgte dann ihre Gäste mit Kräuterauszügen und Tee und kochte für sie wunderbar duftende Suppen. Solchen, die bei ihr anklopften und nach dem Sinn des Lebens fragten oder nicht wussten, wo ihr Platz in dieser Welt sei, und ratlos auf der Suche waren, denen erzählte sie das Geheimnis vom Tiefen See. Die Menschen konnten dem See all ihre Sorgen und Nöte erzählen, und der See hörte einfach nur zu. Er konnte so zuhören, dass sich die Gedanken der Menschen verwandelten. Ja, der See hörte mit seiner ganzen Tiefe, mit seiner ganzen Seele zu.
Die Menschen hatten das Gefühl, noch nie zuvor hätte ihnen jemand so zugehört, und wie durch ein Wunder wurde es in ihnen hell. Der Stein, der auf ihren Herzen lag, fiel von ihnen ab, und sie konnten wieder aufrecht gehen. Ängstliche spürten plötzlich innere Sicherheit und Kraft, Mutlose Klarheit und neue Lebensfreude. Vergrämte und verhärtete Menschen fanden innere Offenheit. Die Liebe, die sie so lange eingesperrt hielten, konnte sie plötzlich durchströmen. Und solche, die nach dem Sinn ihres Lebens auf der Suche waren, entdeckten plötzlich in sich den Schatz. In ihnen begann das Leben zu sprudeln – wie aus einer Quelle.
Die alte Weise schmunzelte, wenn sie sich von den Ratsuchenden verabschiedete, wenn sie in ihnen das Leben wieder spürte.
Auch der See schien sich zu freuen. Er ließ dann sanft die Wellen an das Ufer klatschen, wenn sich die Menschen auf dem Rückweg noch einmal umdrehten, um dann den steilen Wurzelweg nach Marul hinabzugehen.
Dann wurde es still am See. Die alte Weise mochte diese Stille. Manchmal jedoch blickte sie voller Sehnsucht in den See.
Der See begann, ihr zu erzählen: die Geschichte vom Geheimnis aus seiner Tiefe. So begann er …

Der stolze Hirte
In einem Erdloch lebte ein kleines Kerlchen. Einst jedoch war es ein stolzer Hirte gewesen, dem die Herren-Bauern gerne ihr Vieh anvertrauten. Eines Nachts klang vom See herüber wunderschöne Musik. Der Hirte war von dieser Musik so bewegt, dass er die Herde verließ und diesen Klängen folgte. Durch eine Lücke zwischen den Bäumen sah er einen seltsamen Schein über dem See. Im Mondlicht tanzten Frauengestalten mit langen Haaren und weißen Schleiern durch die aufsteigenden Nebel. Ihm wurde ganz eigen zu Mute, und er glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Als er aber bemerkte, dass seine Herde direkt auf den See zuging, kam er zu sich und wollte die Tiere zurücktreiben. Zwei der Kühe jedoch versanken in der Tiefe des Sees. Die Musik verklang, und auch die Wasserfrauen waren nicht mehr zu sehen. Der Hirte wusste nicht, wie ihm geschehen war und wie er vom seltsamen Verschwinden der Tiere den Herren-Bauern berichten sollte. In seiner Not erzählte er ihnen, die Tiere wären bei dichtem Nebel über einen Felsen in unwegsames Gelände gestürzt. Als in der nächsten und in der übernächsten Nacht wieder die Musik und der wundersame Gesang der Wasserfrauen erklangen und die Herde in den See lockten, konnte er nur noch wenige Tiere retten. Er ahnte ja nicht, dass seine Herde ursprünglich die Herde der Wasserfrauen war.
Die Wasserfrauen hatten für jede Not ein großes Herz, und wer zum See kam und seiner Tiefe sein Herz ausschüttete, dem wurde geholfen. So konnte es geschehen, dass eine arme Bauernfamilie auf wundersame Weise zu einer sehr edlen Kuh kam. Dadurch hatte ihre Not ein Ende. Doch bei manchen Nachbarn entstand Neid. Sie wollten das schöne Tier selbst bei sich im Stall haben. So kam es, dass die Herren-Bauern, die dem Hirten ihre Kühe anvertrauten, armen Bauern oder gar einer Witwe die Tiere abgehandelt hatten.
Die Kühe der Wasserfrauen bekamen große Sehnsucht nach dem See, wenn sie ihren Auftrag nicht mehr erfüllen konnten. Ihr Heimweh wurde so groß, dass es die Frauen im See spürten. Damit die Tiere wieder heimfanden, sangen sie und spielten jede Nacht ihre Melodien und tanzten über dem See. So musste der Hirte mit ansehen, wie seine Herde, für die er die Verantwortung trug, in den Tiefen See ging. „Solch eine Schande! Ich kann mich im Dorf nicht mehr sehen lassen“, heulte er. In seiner Verzweiflung stieß er mit seinem Stock dreimal an einen großen Stein, der aus vielen einzelnen Steinchen zusammengesetzt war, und schrie: „Würde ich nur zu einem Zwerg, so müsste ich nicht mehr ins Tal zurück und könnte dem Spott der Leute entgehen!“ Kaum aber hatte er das ausgesprochen, so geschah es.
Denn der Stein, an den er geschlagen hatte, war ein Wunschstein. „Du hättest Dir gut überlegen sollen, was Du Dir wünschst – Wünsche können in Erfüllung gehen – ha ha ha ha!“ krächzte ein alter Rabe über dem Hirten, der nun ein Zwerg war. Doch dieser Rabe war ihm gut gesinnt. Er half ihm, einen geschützten Schlafplatz zu finden, und brachte ihm Brotreste, dass er nicht hungern musste.
Das kleine Kerlchen, das einst so ein stolzer Hirte war, eitel und angesehen, sich jedoch mit nichts abgab, was vermeintlich geringer war als er, musste nun, wenn er sich überhaupt mit jemandem unterhalten wollte, die Sprache der Vögel, der Frösche und der Schlangen lernen. Auch die Erde, den Wind, das Wasser und das Feuer befragte er und lauschte oft in die Tiefe des Sees. So wurde ihm sein Schicksal zu einem Tor neuer Einsicht. Und er bekam ein großes, weites Herz. Bald sprach es sich im Ort herum, dass da oben – am Tiefen See – ein Zwerg hause. Die alte Frau, die dem See mit ganzem Herzen zuhörte, merkte dabei gar nicht, dass es bereits dunkel wurde und ein großer voller Mond hinter den Tannen aufging. Der See schwieg nun, als käme aus seiner Tiefe eine Erinnerung, die er nicht in Worte zu fassen vermochte. Nach einer Zeit der Stille erzählte die weise Frau:

Sonnja
Ich hatte einst eine Tochter. Sie war nicht mein leibliches Kind. Eines Morgens stand sie dort unter der Eibe. Mir war, als bebte die Erde ganz leise, aus Freude über ihre Ankunft. Der Wind trocknete sanft ihr langes, bis zu Erde fallendes blondes Haar. Die Sonne, schien mir, wusste um das Geheimnis ihrer Herkunft, das sie am Abend dem Mond zur Verwahrung übergab. Und seit jenem Tag lag über dem See ein sanfter Lichtschleier, ja, die ganze Umgebung wurde von diesem Licht erfüllt. Sonnja war so schön und edel wie der Tau, der unmerklich vom Himmel fällt und im Licht der Sonne alles verwandelt und erglänzen lässt. In ihrem Innern strahlte ein Licht voller Milde und Güte. Sie war ein Königskind! Immer, wenn dieser Welt großes mitgeteilt werden soll, wird ein Königskind gesandt. So betrat Sonnja aus tiefster Tiefe die Erde. Sonnja, so nannte ich das Mädchen, weil ich ihren wirklichen Namen nicht wusste, denn nie kam ein Wort über ihre Lippen. Sonn-Ja – sag stets ja zu deiner inneren Sonne … in ihrem Innersten schien eine Sonne heller als die Sonne am Himmel. Auch in den Menschen, die hierher kamen, brachte sie dieses innere Licht wieder zum Leuchten. Sie sah in jedem Einzelnen seine innere Wahrheit und Schönheit. So gelang es ihr, dass die Menschen „Ja“ sagten zu ihrem inneren Licht.
Eines Morgens war sie verschwunden, und ich suchte sie an all ihren Lieblingsplätzen. Beim Wasserfalll vom Schreienden Bach, auf der Blumenwiese vom Gizzihimmel, im Geschröf der Erdtrolle, mit denen sie oft Verstecken spielte, und in der Waldlichtung. Doch ich konnte sie nirgends finden. In meinem Schmerz war ich abgeschnitten von der Weltenseele und dem, was sie mir sagen wollte: Sonnja musste in das Land gehen, in dem die Menschen in Finsternis lebten.
Erst nach Tagen, als sich mein Inneres ein wenig beruhigt hatte, konnte ich erahnen, dass Sonnja bereits im Land der Finsternis angekommen war. Dort saß mitten im Stadtgetümmel ein Mann, der mit seinem leeren Blick Löcher in die Luft starrte. Sein Gewand schien unter dem Schmutz, der daran hing, sehr edel. Manch ein Goldfädchen funkelte noch aus dem staubigen Stoff. Sonnja sah ihn fragend mit ihrem Blick voller Sonne an. Der Mann rutschte zur Seite. Sonnja nahm neben ihm Platz, denn sie war ganz erschöpft von der langen Reise.
In dem Mann geschah etwas Merkwürdiges. In jenem Augenblick, da Sonnja ihn ansah, spürte er einen zarten Hauch der Freude, die ganz tief in seinem Herzen entsprang. Seit langer Zeit hörte er zum ersten Mal wieder ganz leise in der Ferne das Singen der Vögel. Als Kind hatte er oft Stunden im Garten gesessen, um den verschiedenen Gesängen der Vögel zu lauschen. Und nun schien es ihm, als sei in ihm auf ein Mal Frühling geworden: Alle Blüten sprangen auf und wiegten sich im Wind und verströmten ihren Duft, den er beinahe vergessen hatte, und ihm war, als durchwärmte die Sonne, die er so lange nicht mehr recht wahrgenommen hatte, die Kammern seines Herzens.
„Woher kommst Du?“ fragte der Mann Sonnja. Sie antwortete nicht und blickte nur in den tiefblauen Himmel, der sie gewiss an den Tiefen See erinnerte. Heimweh überkam sie.
Doch das Treiben auf dem Marktplatz lenkte sie ab. Merkwürdig: Die Menschen eilten und jagten über den Platz, keiner bemerkte den anderen, als wäre jeder für sich allein. Ja, und so fühlten sie sich auch – die Menschen in dieser Stadt.
„Woher kommst Du?“ fragte der Mann neben ihr noch ein Mal. Sonnja zeichnete mit einem spitzen Stein einen großen Kreis auf den Sandboden – den Tiefen See. Dahinter drei Berge, die wie eine Krone aussahen: „Ein Königreich“, so dachte der Mann, der selbst König war, jedoch nicht an sich glaubte und Angst hatte, sich seiner großen Aufgabe zu stellen, und darum innerlich versandete. Sonnja, die seine Gedanken ahnte, erhob sich leise von der Bank und verschwand in der Menschenmenge.
Der König hing noch eine Weile seinem Tagtraum nach, in dem er sein Königreich wiederherstellte und den Menschen ein König war mit einem weiten und großen Herzen. Dann aber bemerkte er, dass der Platz auf der Bank neben ihm leer war. Er sprang auf und kehrte heim in sein Schloss. Er fürchtete sich vor dem Anblick, der sich ihm bieten würde, denn er war seit sieben Jahren nicht mehr in seinem Schloss gewesen und wusste nicht, was in dieser langen Zeit geschehen war. Doch dann hörte er schon von Weitem die Vögel aus dem Schlossgarten. Sie flogen ihm mit lautem Gezwitscher entgegen und freuten sich über seine Rückkehr. Mutter und Vater waren alt geworden. Sie fielen ihm um den Hals mit Tränen in den Augen. Alles war ihm vertraut, sogar das freche Eichhörnchen mit der weißen Schwanzspitze bewohnte noch immer die uralte Linde im Schlossgarten. Und auch der Stallbursche, der immer noch die Stiefel verkehrt anzog, weinte aus Freude über die Rückkehr des jungen Königs.
Der König bestieg sogleich den Thron. Er ließ Boten in die Dörfer und Städte reisen, um im ganzen Land zu verkünden, ein Königskind sei unerkannt unter den Menschen. So geschah das Wunder. Die Menschen entdeckten gegenseitig in sich das Königskind, und sie nahmen einander auf in ihre Häuser. Sie begannen, sich für einander zu interessieren, entdeckten Kostbarkeiten in einander, und die Finsternis in ihren Herzen, ja, im ganzen Land erhellte sich.
Als das geschah, da war Sonnja schon wieder auf dem Weg zum Tiefen See.

Die Rückkehr
Über dem Tiefen See lag ein roter Dunst im Schein der Abendsonne, und tiefes Schweigen hüllte das ganze Tal ein. Sehnsuchtsvoll wartete Sonnja allem entgegen.
Am Tag ihrer Rückkehr herrschte dichter Nebel. Es war Herbst, und der See trug schon an manchen Stellen eine Eisschicht. Kein Mensch wagte sich bei solchem Nebel in die Nähe des Sees. Nur der kleine Zwerg. „Vielleicht hat sich jemand verirrt, man weiß ja nie“, murmelte er. In der Tat, nur wenige Meter entfernt irrte Sonnja durch Wald und Nebel. Sie musste wohl in ihrer sehnsuchtgetriebenen Eile vom Weg abgekommen sein. Als der Zwerg sie erblickte, wollte er sich rasch verstecken. Noch nie hatte er ein solch edles Geschöpf gesehen. Im Anblick dieser schönen Gestalt wurde ihm bewusst, wie hässlich er war. Doch Sonnja sah nicht den kleinen Zwerg, sondern den jungen Hirten in seiner ursprünglichen Gestalt, und sie sah in ihm seine wahre Schönheit.
„Verstecke dich nicht!“ rief sie. Zum ersten Mal kamen Worte über ihre Lippen. Der Zwerg blieb wie angewurzelt stehen. Als er spürte, mit welcher Liebe sie ihn ansah, fielen die Zwergenbande von ihm ab, und er stand da, in voller Größe und seiner wahren Gestalt, wie damals, als er das Vieh hütete. In seinem Inneren jedoch war er verwandelt. Auch er empfand eine große Liebe zu diesem wunderschönen Mädchen.
Bald feierten sie Hochzeit. Und sie lebten glücklich in einem Haus in der Nähe des Sees. Sie lebten in gegenseitiger Achtung, in Frieden und Freiheit und einer tiefen Liebe zueinander. Sie schenkten sich vier Kinder und hüteten die Kühe der Wasserfrauen. Als der Mann starb und die Kinder in die Welt zogen, ging Sonnja wieder in den See zurück, aus dem sie uns geschenkt worden war. Dort jedoch lebt sie weiter, und jedem, der mit offenem Herzen an den See kommt und in seine Seele hört, dem verrät sie sein tiefstes Geheimnis, öffnet ihm den Blick für sich selbst und führt ihn über die Schwelle in sein inneres Königreich.
Der See zog sich im Laufe der Zeit zurück. Heute sind es die Quellen, durch die Sonnja die Menschen zu sich selbst führt.