Zimmerwirtin

Gute-Nacht-Geschichte

 

Das Einfüßle im Nonnenhaus

In der alten Scheuer, die zum sogenannten Nonnenhaus in Tübingen gehörte, trieb einstens das Einfüßle sein Unwesen. Den Namen hatte man ihm gegeben, weil es nur einen Fuß hatte. Trotzdem aber war das winzige kohlrabenschwarze Männlein flink und gewandt, kletterte blitzschnell die Stiegen hinauf und hinab und trieb allerlei Schabernack. Besondere Freude machte es ihm, das Heuseil vom obersten Scheuerboden auf die Tenne hinab zu werfen und damit die Leute, die dort arbeiteten, zu erschrecken.
Vor allem in der Adventszeit ließ sich das Einfüßle oft sehen und hören. Es trug eine Kapuze auf dem Kopf und beschäftigte sich tage- und nächtelang mit Fruchtmessen und Geldzählen.
Einmal wagten sich ein paar Kinder ans offene Scheuertor und riefen: „Einfüßle, Einfüßle, komm!“
Plötzlich erschien das Geistlein im Dunkel der Scheuer und hüpfte auf die Kleinen zu, schneller, als einer mit zwei Füßen rennen kann. Da erschraken die Kinder und liefen eilends davon. Ein kleiner Bub aber stolperte und fiel hin. Als er heulend auf allen Vieren weiterkrabbelte, musste das Einfüßle so laut lachen, dass man es in der ganzen Gasse hörte.

Diese Sage stammt aus dem Sammelband „Der Schatz im Berg“, Sagen aus den Kreisen Reutlingen und Tübingen, Verlag Oertel + Spörer 1985.