Zimmerwirtin

Gute-Nacht-Geschichte

 

Die Schlange mit der Goldkrone

In Wurmlingen stand einst ein Schloss, das gehörte dem edlen Herrn von Megenzer.
Zu dem Anwesen zählte auch eine Meierei. Das Schloss wurde später abgebrochen, der Meierhof aber kam an einen Bauern, der Hölle hieß. Dieser besaß auch den großen Keller, der vom Schloss übriggeblieben war. In dem kühlen Raum wurde im Sommer die Milch aufbewahrt.

Nun geschah es, dass ständig der Rahm in den Kannen fehlte, und niemand wusste, wer schuld daran war. Um den Übeltäter zu erwischen, legte sich eine Magd auf die Lauer. Da sah sie eine Schlange aus einem Spalt des Gewölbes kriechen und sich über den süßen Rahm hermachen. Ein altes Kräuterweiblein riet dem Bauern, das Tier nur ja in Ruhe zu lassen und ihm täglich ein Schüsselchen frischer Milch hinzustellen. Der Meier tat nach seinem Geheiß, und fortan trank die Schlange die Milch aus der Schüssel und ließ den Rahm in den Kannen unberührt.

Eines Tages spielten Kinder auf den Stufen, die vom Hof zur Kellertür hinabführten. Da fanden sie mehrere Tonscherben, und weil diese so schön glänzten, schoben sie einige davon in die Tasche und nahmen sie mit nach Hause. Als aber die Kinder anderntags ihre Kleider wieder anziehen wollten, hörte die Mutter, dass in den Taschen Geld klimperte. Sie griff hinein und zog lauter glänzende Silberstücke hervor, die waren seltsamerweise nicht rund, sondern dreieckig oder viereckig.
Die Mutter fragte, von wem sie das merkwürdige Geld bekommen hätten, und sie erzählten von den Scherben, die vor der Kellertür lagen. Darauf ließ sich die Mutter den Platz zeigen, aber die restlichen Scherben waren verschwunden.

Einige Zeit danach entdeckte man die Schlange wieder im Keller. Diesmal trug sie ein winziges goldenes Krönlein, und als die Leute herzuliefen, um die Erscheinung zu bestaunen, kroch das Tier vom einen zum andern, als ob es jedem die Krone anbieten wolle. Aber keiner traute sich, sie anzurühren. Da zog sich die Schlange in ihr Loch zurück.

Sie zeigte sich später noch öfters, aber ohne Krone, gebärdete sich ganz wild, fuhr wie der Blitz im Keller herum und zischte fürchterlich. Hätten die Kinder alle Scherben aufgelesen und hätte man der Schlange später die Goldkrone abgenommen, so wäre jener Geist erlöst gewesen, meinten danach die Leute.

Aus: Manfred Wetzel und Joachim Burzik, Der Schatz im Berg,
Verlagshaus Reutlingen – Oertel & Spörer 1985