Heilpflanzen

 

Gemeiner Lein, auch Saatlein oder Flachs genannt
Botanischer Name: Linum usitatissimum

Franz Eugen Köhler, Köhler's Medizinal-Pflanzen - commons.wikimedia.org/wiki/Linum_usitatissimum

Der Lein ist eine uralte Kulturpflanze, die vermutlich in Mesopotamien oder Ägypten entstanden ist. Sie dient vorrangig der Gewinnung von Fasern und von Öl. Der Leinanbau zur Fasergewinnung war in Mitteleuropa nach der Erfindung der Kunststofffasern schon fast verschwunden. Erst die gestiegene Nachfrage nach natürlichen Textilfasern hat ihn wiederbelebt. Heute wird Faserlein wieder in größerem Umfang vor allem in Frankreich angebaut, aber auch in Belgien, den Niederlanden und der Tschechischen Republik. Auch in Deutschland und in Österreich gibt es Anbauflächen. Weltweit sind China, Russland, die Ukraine, Weißrussland und Ägypten die Hauptproduzenten.
Die größten Anbauflächen für Öllein finden sich in Kanada. Er wird aber auch bei uns angebaut und verarbeitet.

Das Beiwort „usitatissimum“ im botanischen Namen bedeutet „sehr nützlich“. Und das stimmt ja auch.
Der gemeine Lein ist eine einjährige Pflanze. Sie wird früh im Jahr gesät: schon Ende März bis Anfang April. Sie verträgt Spätfröste, die allerdings den Ertrag an Langfasern zur Textilherstellung mindern. Wird die Pflanze sehr dicht gesät, so bilden sich mehr Fasern, bei geringerer Bestandsdichte mehr Ölsamen. Sie ist anspruchslos, was den Boden betrifft; nur Staunässe mag sie gar nicht. Der Anbau verlangt eine Pause von sechs Jahren zwischen zwei Aussaaten, da ein Pilz, Fusarium oxysporum, bei früherer Wiederaussaat Reinfektionen verursachen kann.

Eine Leinpflanze kann bis zu einem Meter hoch werden, ebenso lang wächst die Pfahlwurzel in die Tiefe. Die Stängel sind unten kahl und weiter oben mit lanzettlich-schmalen Blättern, ohne Blattstiele, wechselständig besetzt; unten sind sie unverzweigt, erst im Bereich der Blütenstände verzweigen sie sich. Die Blüten sind fünfzählig, leuchtend hellblau mit dunkleren Adern. Die Kronblätter sind bis 1,5 cm lang. Manchmal sind die Blüten auch weiß, violett oder rosa. Die Samenkapseln sind fast rund, knapp einen Zentimeter groß im Durchmesser und in fünf Fächer mit je zwei Samen unterteilt. Die Samen sind abgeflacht eiförmig, bis 6 mm lang und 3 mm breit, goldgelb bis braun glänzend. Ihr Ölgehalt liegt zwischen 30 und 44 %, je nach Sorte, Anbaubedingungen und Reifegrad.
Hauptbestandteil des Öls ist mit 50 bis 70 % die ungesättigte Linolensäure, die als Omega-3-Fettsäure für die menschliche Ernährung von großer Bedeutung ist. Tatsächlich ist Leinöl der wichtigste und ergiebigste Omega-3-Lieferant. (Nur Hanföl enthält ebenfalls bis zu 29 % Linolensäure.) Infolge der Überfischung der Meere und der problematischen Haltung von Zuchtfisch ist der Bezug von Omega-3-Fettsäuren aus Seefisch sehr kritisch zu sehen.

Inwiefern ist nun der Lein eine Heilpflanze?
Einmal macht das die Linolen-Ölsäure. Ohne Leinöl ist es unter unseren gegenwärtigen Lebensbedingungen eigentlich nicht möglich, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Omega -3- und Omega-6-Fettsäuren in der Nahrung (ideales Verhältnis 1 : 2) zu erreichen.
Omega-3-Fettsäuren haben viele Wirkungen. Sie helfen mit, die kontinuierliche Verkürzung der Telomere an den Enden der Chromosomen in den Zellkernen zu verlangsamen und sind damit ein wirksames Anti-Aging-Mittel. Das geschieht möglicherweise, indem sie Entzündungen im Gewebe, vor allem im Fettgewebe reduzieren.Sie reduzieren auch oxidativen Stress. Das sind Wirkungen, die im Zusammenhang mit unseren verbreiteten Zivilisationskrankheiten Diabetes mellitus Typ 2, Alzheimer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arteriosklerose, Arthrose und Arthritis usw., von nicht zu überschätzender Bedeutung sind.

Bekannt ist die Verwendung von Leinsamen zur Verdauungsregulierung bei Stuhlträgheit, einem Zustand, der viele Menschen plagt, die zuviel sitzen (müssen): Hierzu nimmt man 2 Esslöffel geschroteten Leinsamen zusammen mit ¼ Liter Wasser ein. Das kann man bedenkenlos täglich tun, da es keine Nebenwirkungen gibt. Wirksam sind Leinsamen ebenfalls bei Heiserkeit, Husten und Magenschleimhautentzündung. Lein ist eine Schleimdroge; und der Schleim ist in der äußeren Schicht der Samen gespeichert. Darum kann man die Samen im Ganzen einnehmen. Nur bei Divertikulose sollte man ihn schroten, da die ganzen Samen sich in den Darmausstülpungen festsetzen könnten. Bei Husten oder Magengeschwüren kann man auch das Leinöl teelöffelweise einnehmen. Einreibungen damit helfen bei Psoriasis und bei Gürtelrose. Man kann auch die angequetschten Leinsamen in ein Säckchen geben, dies Säckchen eine Viertelstunde lang in heißes (nicht kochendes) Wasser hängen und dann auflegen: hilft bei Zahnschmerzen, Gesichtsneuralgien, Bauch- und Galleschmerzen, Ischialgie und Rheuma. Schon Hildegard von Bingen empfahl diese Anwendung.

Nicht zuletzt tut Lein, wenn er blüht, Augen und Seele gut. Das Blau ist einfach eine Wonne. Ich kann mich daran nicht satt sehen. Wer weiß, wo der nächste Leinacker ist, möge mich informieren!

Film von Andrea Domingo Pascual (Youtube).