Heilpraktikerin

Heilpflanzen

 

Original book source: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885, Gera, Germany

Gänsefingerkraut
Botanischer Name: Potentilla anserina L.

Das Gänsefingerkraut ist unter den Fingerkräutern das verbreitetste. Es wächst weltweit in den gemäßigten Zonen. Es ist ein Kulturfolger und zeigt nährstoffreiche, etwas verdichtete Böden an – wie eben z.B. Gänseweiden, wo die Tiere mit ihrem Kot den Boden gedüngt und mit ihren großen Füßen festgetreten haben. Und Gänse essen das Kraut in der Tat gern.

Es wächst auf Weiden, an Wegrändern, sogar im Wald, auch an Straßenrändern und auf Ödland und Schuttplätzen.
Es gehört in die Familie der Rosengewächse. Es wird bis 20 cm hoch und ist mehrjährig. Die Blätter sind vielpaarig gefiedert, mit gezähnten Rändern, worin sich das Rosengewächs verrät. Auch die Blüten weisen darauf hin – sie sehen Erdbeerblüten sehr ähnlich, nur sind sie goldgelb. Die Blätter sind dunkelgrün und unterseits silbrig behaart. Des nachts, heißt es, tanzen die Feen darauf. Aus den grundständigen Rosetten wachsen bis 40 cm lange Stängel, die sich zum Boden neigen, neu bewurzeln und so neue Pflanzen bilden. So kann das Gänsefingerkraut in kurzer Zeit ausgedehnte Teppiche bilden, wenn der Platz günstig ist. Die Blüten haben fünf Hüllblätter und fünf Kelchblätter, wie es sich für ein Rosengewächs gehört. Die Blüten sitzen einzeln auf kürzeren, aufrechten Stängeln. Sie schließen sich bei schlechtem Wetter halb, und die Blätter bilden dann ein schützendes Dach über ihnen. Diese Gebärde hat die Menschen an die Jungfrau Maria und ihren Schutzmantel denken lassen.
Die Pflanze blüht von Mai bis September. Verwendet wird das blühende Kraut und auch die Wurzel. Geerntet wird das Kraut von Mai bis August, die Wurzel eher im Herbst. Die Pflanze enthält Gerbstoffe (bis zu 10 %, vor allem Ellagitannine), Tormentol, Flavonoide, Cumarine, Cholin, Phenolkarbonsäuren, Anthocyanidine und Kalzium. Sie ist eine Einschleuserpflanze für Kalzium.

Traditionell wird das Kraut genutzt, indem es in Milch gekocht wird. Das weist darauf hin, dass schon unsere keltischen und germanischen Vorfahren es nutzten, die allgemein Heilkräuter gern in Milch kochten. Auch von den Babyloniern und Assyrern ist bekannt, dass sie Gänsefingerkraut in Milch aufkochten.
Gerhard Madaus schrieb: „Potentilla anserina ist ein höchst wertvolles krampfstillendes Mittel, bei dem keine unangenehmen Nebenerscheinungen zu befürchten sind.“
Pfarrer Kneipp hat es aus der Vergessenheit geholt. Er verwendete es bei Bauchkrämpfen der Säuglingen und Menstruationskrämpfen und hat sogar einen Patienten von Wundstarrkrampf (Tetanus) damit geheilt.

Potentilla anserina entkrampft die glatte (unwillkürliche) Muskulatur: Magen, Darm, Uterus, Blase, Gallenblase.
Für den Tee werden Blätter und Blüten kalt angesetzt (3 Tl Kraut auf eine Tasse), einmal aufgekocht, in Milch oder Wasser, dann kurz ziehen lassen und abseihen – drei Tassen täglich, noch warm trinken. Das gekochte Kraut kann zusätzlich auf die krampfhaft schmerzende Stelle aufgelegt werden. Gegen Durchfall verwendet man zusätzlich zum Kraut auch die Wurzel. Gegen Muskelkrämpfe kann man Auflagen mit dem angequetschten oder gekochten Kraut machen.
Die Urtinktur verwendet man tropfenweise bei Regelbeschwerden und Unterleibskrämpfen, 3 mal 5 Tr. Täglich, ggf. in der ganzen 2. Zyklushälfte, wenn die Krämpfe immer wieder auftreten. Das Pulver aus getrockneten Blättern und Blüten kann man einsetzen bei unspezifischen akuten Durchfällen, Meteorismus und Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut. Mit dem Tee lassen sich auch Spülungen gegen Weißfluss durchführen.

Gegen Migräne, die ja auch etwas mit Krämpfen zu tun hat, kann man folgenden Tee versuchen:
Frauenmantel 15 g
Gänsefingerkraut 15 g
Mädesüßblüten 10 g
Mutterkraut 10 g
Schlüsselblumenblüten 10 g
Weidenrinde 15 g
Die Kräuter mischen, 2 TL voll auf eine Tasse heiß überbrühen, 10 bis 15 Minuten ziehen lassen, dann abseihen und trinken
(Rezept nach Margret Madejsky)
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Oder gegen Krämpfe:
Damiana 15 g
Frauenmantel 20 g
Gänsefingerkraut 25 g
Klatschmohnblüten 10 g
Melisse 10 g
Schafgarbe 10 g
(Auch dies Rezept danke ich Margret Madejsky).

Bei Reizmagen, Verstopfung oder in der Schwangerschaft soll Gänsefingerkraut wegen der Gerbstoffe nicht verwendet werden. Das Kraut findet auch in der Tierheilkunde Anwendung, z.B. bei offenen Wunden, bei Verdauungsbeschwerden der Rinder oder wenn der Stier keine Lust auf die Kühe hat. In der Küche kann es in Salate, Suppen und Getreidebratlinge gegeben werden.

Da es so weit verbreitet ist, hat das Gänsefingerkraut auch viele volkstümliche Namen. Einige davon sind: Anserine (anser = Gans lat.), Silberkraut, Gänserich, Krampfkraut, Handblatt, Martinshand, Maukenkraut.

Achten Sie bei Ihrem nächsten Spaziergang einmal darauf: Sie werden es gewiss irgendwo finden.