Heilpflanzen

 

Im Monat der Sonnenwende sind eigentlich alle Sommerkräuter dran. Es fällt mir schwer, eine Wahl zu treffen, und darum wähle ich zwei: Den Holunder und das Johanniskraut.

Aquilegia vulgaris

Der Holunder – Sambucus nigra L. – muss nicht erst vorgestellt werden; jede und jeder kennt ihn. Er wächst als Strauch oder kleiner Baum, kann bis 11 m hoch werden. Es heißt, er könne 20 Jahr alt werden. Aber ich kenne viel ältere Exemplare. Im Greisenstadium ist er oft stark von Moos und Flechten überwachsen. Verbreitet wird der Holunder besonders durch Vögel, die seine Früchte sehr mögen und die Samen ausscheiden. Hoffentlich haben Sie dann nicht die Bettlaken zum Trocknen draußen, denn der Färbeeffekt ist bemerkenswert.
Seine Äste sind hohl und mit einem weichen Mark ausgekleidet. Darum kann man Flöten aus ihnen schnitzen, was wir als Kinder gern getan haben. Der Duft der Blüten ist unwiderstehlich. An einem warmen Juniabend unter einem Holunderbusch oder in seiner Nähe zu sein und den Duft zu genießen – welch Geschenk.

Der Name Holunder hat möglicherweise mit Frau Holle, der Unterweltgöttin Hel, zu tun – daher auch Hollerbusch, Holderbusch – oder mit der Tatsache, dass seine Zweige hohl sind. Märchen und Sagen legen Ersteres nahe.
Auf jeden Fall ist der Holunder ein Schutzbaum für Haus und Hof und seine Bewohner. Man zolle ihm Respekt, beschneide ihn nicht unnötig und störe die Wesen, die ihn bewohnen, nicht mutwillig. Er wird es danken.

Holunder ist in der Heilkunde wie in der Küche vielfältig zu gebrauchen. Der Saft aus den Beeren z.B. wird bei Erkältungen, Nieren- und Blasenleiden sowie zur Stärkung von Herz und Kreislauf gebraucht. Die in den Früchten enthaltenen Farbstoffe sind sehr wirkungsvolle Antioxidantien, die die Zellmembranen vor Schädigung durch Freie Radikale schützen. Diesem Zweck dienen sie in der Pflanze, und auch wir Menschen können sie uns entsprechend zu Nutze machen. Diese Stoffe können auch die Zellschädigungen bei diabetischer Stoffwechsellage reparieren helfen.
Der Holunder hilft bei Grippe, sowohl der Saft als auch die gekochten Früchte als auch der Tee aus den getrockneten Blüten. Das enthaltene ätherische Öl wirkt schweißtreibend.

Ich freue mich sehr darüber, dass der Holunder in den letzten Jahren wieder vermehrt kulinarisch genutzt wird. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich gern an die Fliederbeersuppe, die meine Mutter (sie kommt aus Norddeutschland, wo der Holunder Flieder genannt wird) kochte. Darin schwammen entweder Grießklößchen oder es schwebten darauf Wölkchen aus gezuckertem Eischnee. Inzwischen gibt es den Holunderblütensirup in jedem besseren Lokal. Aber machen Sie ihn sich doch mal selbst:
30 frisch erblühte Dolden mit 2 l Wasser und etwa 50 g Zitronensäure ansetzen, über Nacht stehen lassen, dann abseihen und mit 2 kg Zucker verrühren. So lange stehen lassen und immer wieder umrühren, bis sich der Zucker vollständig aufgelöst hat. Dann in Flaschen abfüllen und kühl und dunkel aufbewahren. Die Flaschen müssen absolut sauber sein, auch die Verschlüsse, und ganz dicht verschlossen werden. Dann hält sich der Sirup auf jeden Fall bis zum nächsten Juni. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, können Sie den Sirup auf 80 ° erhitzen, ehe Sie ihn abfüllen. Oder bereiten Sie sich einen Ausbackteig oder Pfannkuchenteig, tauchen Sie die Blüten hinein und backen Sie sie in heißem Öl aus (am besten Kokosöl – das bildet keine Transfette beim Erhitzen – oder Erdnussöl).

Die Beeren können zu Saft, Mus, Kompott, Marmelade oder Obstwein verarbeitet werden. Bitte essen Sie die Beeren nicht roh! In den Samen befindet sich das Glycosid Sambunigrin, das viele Leute gar nicht vertragen.
Versuchen Sie mal eine Marmelade aus Holunderbeeren gemischt mit Zwetschgen, ungefähr halb und halb, und gesüßt mit nicht mehr als 500 g Zucker auf 1 kg Früchte! Oder Sie mischen die Holunderbeeren mit kleingeschnittenen Äpfeln. Das schmeckt noch milder. Das Mischungsverhältnis ist natürlich variabel. Die Beeren enthalten außerdem den violetten Farbstoff Sambicyanin. Dies Flavonoid sorgt für die Antioxidans-Wirkung und ist außerdem als Lebensmittelfarbstoff zu gebrauchen, wird auch inzwischen, da die Kunden wieder mehr natürliche Farbstoffe verlangen, wieder mehr eingesetzt, in Molkereiprodukten und Süßigkeiten, aber auch in der Textilindustrie. Früher hat man nicht nur Rotwein, sondern auch Haare und Leder damit gefärbt. Der italienische Likör mit dem Namen Sambuca wird nicht aus Holunder hergestellt, sondern aus Anis.

 

Aquilegia vulgaris

Und nun zum Echten Johanniskraut – Hypericum perforatum, auch Tüpfel-Hartheu genannt, aus der Familie der Hartheugewächse. Soweit wir Kunde haben von den Vorstellungen und Gebräuchen unserer Vorfahren, war diese Pflanze schon immer mit der Sonne verbunden. Sie ist ein Lichtbringer. Sie steigert die Fähigkeit des Körpers, Licht aufzunehmen. Sie sollten die Pflanzenextrakte also nicht in höheren Dosen zu sich nehmen, wenn Sie gerade einen Strandurlaub auf den Bahamas planen. Sie könnten leichter einen Sonnenbrand bekommen. Dieselbe Qualität macht aber auch, dass sie der Winterdepression entgegenwirkt. Auf die Diskussion, ob sie geeignet ist, eine psychiatrisch manifeste Depression mittleren oder schweren Grades zu behandeln, möchte ich mich nicht einlassen. Die Argumente dafür und dagegen sind zu oft verknüpft mit den Interessen der Argumentierenden. Es kommt m.E. jeweils auf einen Versuch an. Was dem einen nicht hilft, hilft vielleicht einem anderen. Keine Depression ist gleich der anderen, wie ja auch kein Patient einem anderen gleicht. Leider ist unser Medizinwesen auf Gleichmacherei und das, was Evidenz genannt wird, gegründet und steht latent im Dienst der Pharmaindustrie. Oder wie sonst soll ich es verstehen, dass es Bestrebungen gibt, Johanniskraut als Heilmittel zu verbieten, weil es zu erhöhter Lichtempfindlichkeit (photosensibilität) führt? Wird man auch Antibiotika verbieten, weil sie die Darmflora schädigen können?

Die Wirkung des Johanniskrauts beruht jedenfalls darauf, dass es die Wiederaufnahme verschiedener Botenstoffe im synaptischen Spalt hemmt: Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA und L-Dopamin. Der entscheidende Wirkstoff ist ein Spaltprodukt des Hyperforins, das auch in Hopfen enthalten ist. Interessanterweise haben die alten Kräuterweisen das Johanniskraut auch Waldhopfen genannt (Wald im Sinne von draußen wachsend, nicht im Garten – Johanniskraut ist ja keine Waldpflanze). Wie wussten sie von dem gemeinsamen Wirkstoff?

Johanniskraut interagiert mit zahlreichen Medikamenten, z. B. Hormonen, auch hormonellen Verhütungsmitteln, manchen Antibiotika, manchen AIDS-Mitteln, Immunsuppressiva und Antidepressiva und schwächt deren Wirkung ab. Hier ist also Vorsicht geboten. In hoher Dosierung gehört Johanniskraut nicht zu den harmlosen Pflanzen. Als Tee, ätherisches Öl oder als Rotöl zur äußerlichen Anwendung ist es aber für die Selbstmedikation gut geeignet. Rotöl, ein Mazerat der Blüten und Knospen in Olivenöl, wird zu Einreibungen bei Gicht, Rheuma und Hexenschuss verwendet, auch zur Dammpflege in der Geburtsvorbereitung und bei Verrenkungen und Verstauchungen.

Betrachten Sie mal ein Blatt des Johanniskrauts (des Echten, von den anderen Johanniskraut-Arten dadurch zu unterscheiden, dass der Stengel nicht hohl, sondern markgefüllt ist) gegen das Licht. Sie werden eine Unzahl hellerer Punkte bemerken: die Öldrüsen, die das ätherische Öl des Johanniskrauts hervorbringen. Das ätherische Öl wirkt gegen Entzündungen im oberen Verdauungstrakt, gegen Infektionen des unteren Verdauungstrakts, bei Prellungen, gegen Nervenschmerzen und antidepressiv sowie psychomotorisch aktivierend. Es kann in Form von Bädern, Auflagen, Einreibungen, Massagen und Inhalationen angewandt werden.
Wenn Sie eine Knospe zwischen den Fingern zerreiben, färbt das enthaltene Hypericin, einer der Wirkstoffe, ihre Finger dunkelrot. Die rote Farbe steht für das Blut des Märtyrers Johannes des Täufers.
Vor der christlichen Zeit war die Pflanze dem Gott Balder geweiht, dem Sonnengott, und spielte in den Sonnenwendriten eine Rolle. Man flocht sich Kränze daraus und schmückte auch die Hausdächer damit, um Blitzschlag abzuwehren. Und nicht nur Blitzschlag wehrte man damit ab, sondern ebenso Dämonen, und später den Teufel, als er erfunden war. „Wo man Johanniskraut aufbewahrt, da kommt der Teufel nicht hin“, schrieb Otto Brunfels (1488 – 1534). Psychische Störungen galten als vom Teufel bzw. von Dämonen verursacht. Und so war das Johanniskraut auch damals schon das bevorzugte Psycho-Phytopharmakon, das Apotropaikum schlechthin – und was anders ist das moderne Antidepressivum?