Heilpraktikerin

Heilpflanzen

 

Helleborus niger L.

Christrose
Botanischer Name: Helleborus niger L.

Ganz wunderbar hat Eduard Mörike ihren Charakter in seinen beiden unter dem Titel »Auf eine Christblume« zusammengefassten Gedichten ergriffen. Sie seien darum vorangestellt, zur Einstimmung in dieses ganz besondere Pflanzenwesen.

 

Helleborus niger L.
I
Tochter des Walds, du lilienverwandte,
So lang von mir gesuchte, unbekannte,
Im fremden Kirchhof, öd und winterlich,
Zum ersten Mal, o schöne, find ich dich.
Von welcher Hand gepflegt du hier erblühtest,
Ich weiß es nicht, noch wessen Grab du hütest;
Ist es ein Jüngling, so geschah ihm Heil,
Ist‘s eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Teil.
Im nächtgen Hain, von Schneelicht überbreitet,
Wo fromm das Reh an dir vorüberweidet,
Bei der Kapelle, am kristallnen Teich,
Dort sucht ich deiner Heimat Zauberreich.
Schön bist Du, Kind des Mondes, nicht der Sonne;
Dir wäre tödlich andrer Blumen Wonne,
Dich nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,
Himmlischer Kälte balsamsüße Luft.
In deines Busens goldner Fülle gründet
Ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkündet;
So duftete, berührt von Engelshand,
Der benedeiten Mutter Brautgewand.
Dich würden, mahnend an das heilge Leiden,
Fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden:
Doch kindlich zierst du, um die Weihnachtszeit,
Lichtgrün mit einem Hauch dein weißes Kleid.
Der Elfe, der in mitternächtger Stunde
Zum Tanze geht im lichterhellen Grunde,
Vor deiner mystischen Glorie steht er scheu
Neugierig still von Fern und huscht vorbei.
Helleborus niger L.
II
Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim,
Der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel
In Frühlingsnächten wiegt den samtnen Flügel;
Nie soll er kosten deinen Honigseim.
Wer aber weiß, ob nicht sein zarter Geist,
Wenn jede Zier des Sommers hingesunken,
Dereinst, von deinem leisen Dufte trunken,
Mir unsichtbar, dich blühende umkreist?

 

Helleborus niger L.

Christrose heißt sie, weil sie um die Weihnachtszeit blühen soll – tatsächlich tut sie das in unseren Breiten eigentlich nicht, nur in den Gärtnereien bzw. in Gärten. Sie blüht Ende Januar, Anfang Februar, im Gebirge erst im März. Schneerose heißt sie aber zu Recht, denn sie erblüht auch im Schnee. Sie gehört zur Gattung der Nieswurze in der Familie der Hahnenfußgewächse, und wie fast alle Mitglieder dieser Familie ist sie giftig. Was sie möglicherweise zur Heilpflanze prädestiniert, wenn man sie zu gebrauchen weiß. Die Christrose ist immergrün und kann an geeigneten Standorten bis zu 25 Jahre alt werden. Sie bildet ein schwarzes Rhizom aus, weswegen sie auch Schwarze Nieswurz heißt. Auch das Adjektiv im botanischen Namen verweist darauf. Die Laubblätter sterben ab, wenn die Pflanze blüht. Nach der Befruchtung verfärben sich die Kelchblätter grün und übernehmen dann die Photosynthese, damit die Balgfrüchte sich entwickeln können. Wenn sie reif sind, wachsen neue Laubblätter.
In Deutschland kommt die Schwarze Nieswurz nur in Bayern vor. Sie ist eine Gebirgspflanze, wächst in den Alpen bis in Höhenlagen von 1.900 m, westlich bis nach Vorarlberg, im Osten bis in den nördlichen Balkan und im Süden bis in den Apennin. Sie liebt lichte Buchenwälder, auch in Kiefernwäldern ist sie zu finden, insgesamt aber inzwischen selten: Sie ist stark gefährdet und steht bei uns unter strengem Schutz. Eduard Mörike, der das Schwabenland ja nie verlassen hat, konnte sie also nur auf dem Friedhof finden.
In der Pflanze finden sich Saponine und Protoanemonin, dazu Hellebrin und Helleborin, die den Herzglykosiden ähneln und ähnlich verwendet werden können. Die Pflanzengifte konzentriere sich in der Wurzel. Vergiftungen durch oberirdische Pflanzenteile sind selten.
Früher hat man das Pulver aus der Wurzel als Niespulver verwendet: Es war Bestandteil des Schneeberger Schnupftabaks. Radix hellebori nigri galt als offizinell und wurde als Herzmittel und als harntreibendes Mittel eingesetzt. In der Volksmedizin kam sie bei Epilepsie, Verwirrtheit und Menstruationsbeschwerden zur Anwendung. Allerdings wurde auch vor Missbrauch gewarnt: »Drei Tropfen machen rot, zehn Tropfen machen tot.« Gegen eine Helleborus-Vergiftung soll Ziegenmilch helfen.
In homöopathischer oder spagyrischer Zubereitung wird Helleborus heute bei Kopfschmerzen, Krampfzuständen und Hirnhautentzündung verordnet, aber auch bei Nieren- und Herzkrankheiten und in der Krebstherapie.
Die Pflanze liebt feuchte kalkhaltige Böden im Halbschatten. Sowie die Samen reif werden, werden sie ins Frühbeet ausgesät. Die Wurzelstöcke älterer Pflanzen kann man im März teilen zur Vermehrung. Sammelzeit für die Wurzel ist im März – aber nur im Garten, bitte! Und für die Blätter im Juni. Es gibt ein Rezept, für das die im Juni geschnittenen Blätter im Schatten getrocknet, dann pulverisiert und 1:1 mit feinem Zucker gemischt werden. Ab dem 60. Lebensjahr täglich eine ganz kleine Menge – etwa 1 Messerspitze – einnehmen! Dem Mittel wird eine lebensverlängernde Wirkung zugeschrieben.
Aber vielleicht halten wir’s doch lieber wie Mörikes Elf und stehen neugierig still von fern – und gehen weiter.